Datengestützte Netzführung

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Joachim Heck
Datengestützte Netzführung
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Warum hochauflösende Asset- und Qualitätsdaten für die Systemstabilität unverzichtbar sind

Die Transformation des Energiesystems verlagert die Systemverantwortung zunehmend in die Verteilnetze. Mit der fortschreitenden Elektrifizierung der Sektoren Wärme und Mobilität steigen die Gleichzeitigkeitsfaktoren und Leistungsanforderungen in der Niederspannung signifikant an. Um diese neuen Lasten effizient zu integrieren und regulatorische Vorgaben wie § 14a EnWG zielgerichtet umzusetzen, reichen statische Standardlastprofile und reine Summenmessungen am Ortsnetztransformator nicht mehr aus. Eine zeitgemäße Betriebsführung erfordert Transparenz bis auf die Ebene einzelner Assets – sowohl hinsichtlich ihrer Leistung als auch ihres dynamischen und qualitativen Verhaltens im Netz.

Historisch wurden Niederspannungsnetze nach dem Prinzip „Fit and Forget“ ausgelegt. Die Netzplanung basierte auf Standardlastprofilen und statistischen Annahmen zur Gleichzeitigkeit, die für klassische Haushaltsverbraucher hinreichend genau waren. Gleichzeitig stellten konventionelle Kraftwerke mit Synchrongeneratoren hohe Kurzschlussleistungen und eine ausgeprägte physikalische Trägheit bereit. Diese Eigenschaften sorgten für ein robustes Systemverhalten und ermöglichten einen sicheren Netzbetrieb mit vergleichsweise geringer messtechnischer Auflösung im Niederspannungsnetz.

Grenzen statischer Modelle im hochdynamischen Betrieb

Mit dem Hochlauf von Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen sowie umrichterbasierten Erzeugungs- und Speicheranlagen ändern sich diese Rahmenbedingungen grundlegend. Die neuen Verbraucher weisen nicht nur höhere Anschlussleistungen auf, sondern folgen auch anderen zeitlichen und dynamischen Nutzungsmustern. Insbesondere lokale Häufungen von Wallboxen oder Wärmepumpen können Gleichzeitigkeiten erzeugen, die durch klassische Planungsannahmen nicht mehr abgedeckt sind.

Wird der Netzbetrieb in diesem Umfeld weiterhin primär auf statische Mapping-Tabellen und Hochrechnungen gestützt, müssen hohe Sicherheitsmargen angesetzt werden. Dies führt entweder zu restriktiven Anschlussentscheidungen oder zu pauschalem Netzausbau, obwohl die physikalischen Reserven im konkreten Betrieb möglicherweise ausreichend wären. Die fehlende Transparenz über den realen Netzzustand wird damit zu einem wirtschaftlichen und regulatorischen Hemmnis.

Sinkende Kurzschlussleistung und Verlust physikalischer Trägheit

Neben der reinen Leistungsfrage verschärfen sich die Herausforderungen durch eine grundlegende Veränderung der Netzphysik. Mit dem Rückbau konventioneller Kraftwerke sinkt die verfügbare Kurzschlussleistung in den Verteilnetzen kontinuierlich, während gleichzeitig die durch rotierende Massen bereitgestellte physikalische Trägheit verloren geht. Umrichterbasierte Anlagen wie Photovoltaik, Batteriespeicher oder Ladeinfrastruktur verfügen weder über mechanische Momentanreserven noch über eine unbegrenzte Stromtragfähigkeit im Fehlerfall.

Diese Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf Schutzkonzepte und Systemstabilität. Sinkende Kurzschlussströme erschweren die zuverlässige Auslösung klassischer Schutzgeräte, da sich Fehlerströme zunehmend normalen Lastzuständen annähern können. Gleichzeitig verlaufen Frequenz- und Spannungsänderungen deutlich steiler, wodurch sich die verfügbaren Reaktionszeiten für Regelungs- und Schutzmechanismen erheblich verkürzen. Latenzen, die in früheren Systemen tolerierbar waren, werden damit zu einer kritischen Größe.

Power Quality als neue betriebliche Dimension

Parallel zum Verlust der Trägheit steigt die Durchdringung des Netzes mit Leistungselektronik. Wechselrichter, Ladegeräte und moderne Netzteile erzeugen Oberschwingungen und Wechselwirkungen im Frequenzbereich oberhalb der Grundfrequenz. Das Niederspannungsnetz verhält sich zunehmend nichtlinear, und klassische Annahmen über ein quasi-statisches System verlieren an Gültigkeit.

In diesem Umfeld können Resonanzeffekte zwischen Umrichtern und Netzimpedanzen auftreten, die Betriebsmittel stark belasten oder vorzeitig altern lassen. Kritisch ist dabei, dass solche Effekte auch dann auftreten können, wenn Wirk- und Blindleistungsflüsse unauffällig erscheinen. Konventionelle Messsysteme, die auf 15-Minuten-Mittelwerten oder reinen Energiemengen basieren, erfassen diese Phänomene nicht. Die Bewertung der Spannungsqualität wird damit zu einem integralen Bestandteil eines sicheren und wirtschaftlichen Netzbetriebs.

Vom reaktiven Netzbetrieb zur lokalen, präventiven Steuerung

Ein Netzbetrieb, der primär auf verzögerte zentrale Auswertung setzt, ist unter diesen Bedingungen nicht mehr ausreichend. Wenn Stabilität und Schutz innerhalb von Millisekunden entschieden werden, müssen Analyse und Entscheidung möglichst nahe am physikalischen Ereignis erfolgen. Der Weg über zentrale Leitwarten oder Cloud-Systeme ist dafür allein aufgrund unvermeidbarer Latenzen nicht geeignet.

Der Übergang zu einem präventiven Engpass- und Stabilitätsmanagement erfordert daher eine Kombination aus echtzeitfähiger Datenerfassung, asset-scharfer Kenntnis des aktuellen Betriebszustands und lokaler Entscheidungslogik. Edge-basierte Zell-Manager können lokale Instabilitäten erkennen, Resonanzeffekte dämpfen und steuernd eingreifen, ohne auf übergeordnete Systeme warten zu müssen.

Asset-Daten und Zustandsschätzung im zellularen Energiesystem

Im zellularen Energiesystem, wie es unter anderem vom VDE beschrieben wird, agiert der Ortsnetzbereich als weitgehend autonome Einheit, die Erzeugung und Verbrauch möglichst lokal ausgleicht. Für einen stabilen und effizienten Betrieb sind detaillierte Informationen über angeschlossene Assets unverzichtbar. Sie ermöglichen die belastbare Bewertung verfügbarer Flexibilität, die Differenzierung zwischen Netzfehlern und temporären Überlastsituationen sowie die Rekonstruktion des Netzzustands mittels Zustandsschätzverfahren.

Strategisch platzierte Messstellen, kombiniert mit Asset-Daten und geeigneten Algorithmen, erlauben ein hinreichend genaues Abbild des Netzes, ohne eine vollständige messtechnische Erfassung aller Anschlusspunkte. Auf diese Weise lässt sich die Lücke zwischen fehlender Transparenz und kostenintensiver Vollvermessung schließen.

Fazit

Die Digitalisierung der Niederspannung ist keine optionale Effizienzmaßnahme, sondern eine physikalische und betriebliche Notwendigkeit. Sinkende Kurzschlussleistung, fehlende Trägheit und zunehmende Power-Quality-Effekte erfordern hochauflösende, zeitnahe Informationen über Zustand und Qualität des Netzes.

Eine moderne Netzführung basiert daher nicht mehr ausschließlich auf Energie- und Mittelwerten, sondern auf Echtzeitdaten einzelner Assets. Entscheidungen müssen dort getroffen werden, wo die physikalischen Effekte auftreten: lokal, schnell und datenbasiert.


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Die Plattform führt Daten von der Ortsnetzstation bis hin zu einzelnen Assets in einem einheitlichen Datenmodell zusammen und erweitert klassische Betriebsdaten um zeitkritische Zustands- und Qualitätsinformationen. Dadurch entsteht eine belastbare Entscheidungsgrundlage für präventives Engpassmanagement, lokale Stabilisierung und die sichere Orchestrierung zellularer Energiesysteme.